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SOCIAL INNOVATION INITIATIVE

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  • Claudia Brühwiler

Jürgen Howaldt: Die Gesellschaft als Ort von Innovationen

«Jeder mag das Thema, aber keiner weiss, was es ist.» Zu diesem Schluss kam eine anfangs kleine Forschergruppe um Professor Jürgen Howaldt an der Sozialforschungsstelle der TU Dortmund, als sie sich vor gut zehn Jahren dem Feld der sozialen Innovation zuwandten. Eigentlich, so berichtet er in seinem Vortrag vom 1. Oktober, seien sie davon ausgegangen, ein weitgehend abgegrastes Forschungsfeld zu betreten, in dem kaum mehr eine Nische zu finden wäre. Dem war indessen nicht so, wie sie schnell feststellen durften: Obschon Forscher wie Benoît Godin ermittelten, dass der Begriff der sozialen jenem der technologischen Innovation vorausgegangen war, gab es bis vor kurzem keine kontinuierlichen Forschungsprojekte, um diese systematisch zu ergründen.



So fand sich die Dortmunder Forschungsgruppe nach wenigen Jahren unverhofft in einer Vorreiterrolle, indem sie mehrere grössere EU-Projekte vorantreiben und in Deutschland die Diskussion zu sozialer Innovation mitgestalten konnte und noch immer kann. Im Mittelpunkt steht für Howaldt und seine Kollegen soziale Innovation als «von bestimmten Akteuren … ausgehende intentionale … Neukonfiguration sozialer Praktiken in bestimmten Handlungsfeldern mit dem Ziel, Probleme besser zu lösen bzw. Bedürfnisse besser zu befriedigen … als dies auf der Grundlage etablierter Praktiken möglich ist.» Träger dieser Innovationen können grundsätzlich alle sein – zivilgesellschaftliche Akteure, der Staat, aber auch der Privatsektor oder Sozialunternehmer. Gemein ist ihnen die Orientierung an den grossen sozialen Herausforderungen unserer Zeit, die noch ungelöst sind oder die mit alten Mitteln nicht mehr zu lösen sind.


Die Veränderungen, die soziale Innovationen zeitigen, greifen tief, wie die Erklärung Soziale Innovation für Deutschland erläutert: «Soziale Innovationen treten in unterschiedlichen Formen in unserer Gesellschaft auf und nehmen Einfluss auf unser Leben: Sie verändern die Art und Weise, wie wir zusammenleben (Wohngemeinschaften), arbeiten (Telearbeit), konsumieren (Car-Sharing), Wohlstand verteilen (progressive Steuergesetzgebung) oder mit Krisen umgehen (Kurzarbeit statt Kündigung). Sie sorgen für neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Menschen (Coworking-Büros), Organisationen (Private-Public-Partnerships) und Staaten (Freizügigkeitsabkommen). Initiiert werden können soziale Innovationen in verschiedenen Sektoren: in der Zivilgesellschaft (Urban Farming), der Politik (Elternzeit), der Wirtschaft (Mikrokredite) und häufig entstehen sie gerade zwischen den Sektoren (Duale Studiensysteme).»



Um zu prüfen, wie verbreitet soziale Innovationen bereits sind, nahm das Grossprojekt SI-Drive 1005 soziale Innovationen auf allen Kontinenten unter die Lupe. Die Fülle an Projekten war bereits Beleg dafür, dass soziale Innovation tatsächlich ein globales Phänomen ist, das vor allem in Lateinamerika auch von staatlicher Seite her gefördert wird. Soziale Innovationen adressieren weltweit ein breites Spektrum an Themen, wobei sich besonders NGOs, öffentliche Institutionen und Privatunternehmen als Treiber hervortun. Verhältnismässig gering ist der Anteil an SozialunternehmerInnen, die oft im Zentrum medialer Aufmerksamkeit stehen, wenn über soziale Innovation gesprochen wird. Auch Hochschulen haben sich als weniger involviert herausgestellt, als ihnen möglich wäre.


Im Zentrum der meisten der untersuchten sozialen Innovationen steht der gesellschaftliche Bedarf nach neuen Lösungen – ob diese einen Systemwandel bewirken, sei für die Verantwortlichen nebensächlich. Tatsächlich finde nur begrenzt ein Transfer von Ideen über ihren lokalen oder regionalen Verbreitungsraum statt. Eine einzelne gute Innovation zeitigt noch keinen nachhaltigen Wandel; daher müsse der Blick auf den Zusammenfluss von Ideen gerichtet werden, die in ihrer Gesamtheit nachhallen – ein Beispiel sei hier Car-Sharing.

SI-Drive ermittelte überdies, dass viele soziale Innovatoren mit Finanzierungsproblemen kämpfen. Werden technologische Entwicklungen auf zahlreiche Förderstellen, staatliche wie private, setzen können, fehlen entsprechende Ressourcen für soziale Innovation. Hier brauche es, so Howaldt, ein Umdenken in der Politik: Innovation dürfe nicht mehr länger auf Technologie reduziert werden. Immerhin hat die EU dies schon länger erkannt und fördert entsprechende Vorhaben. Auch die deutsche Bundesregierung hat in ihrer jüngsten Hightech-Strategie erkannt, dass ein erweiterter Innovationsbegriff angezeigt und die Gesellschaft als zentraler Akteur adressiert werden muss. Damit sich diese Erkenntnis festigt und verbreitet, sind auch die Hochschulen in die Pflicht zu nehmen – nicht nur in der Forschung, sondern auch in der Lehre und im Austausch mit der Öffentlichkeit. So, wie dies mit dem Vortrag von Prof. Howaldt geschehen ist.


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Soziale Innovation an der HSG.