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SOCIAL INNOVATION INITIATIVE

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  • Claudia Brühwiler

Von der Studienaktie zu Public Entrepreneurship: Lars Stein

Von der Studienaktie zu Public Entrepreneurship: Lars Stein

«Soziale Innovation passiert immer dann, wenn die Gesellschaft wagt, ihre Herausforderungen auf fundamental neue Art zu lösen.» So lautet die prägnante Definition, mit der Lars Stein, heute Berater Sektorpolitik bei der DEZA, die Ringvorlesung zu sozialer Innovation eröffnet. Wenn er von Wagnissen und fundamental neuen Lösungsmöglichkeiten spricht, tut er das nicht mit Blick auf Fallstudien, sondern auf seine eigene Biographie, die ihn von der «Ich-AG» zur Entwicklungshilfe brachte. An Steins eigenem Werdegang und Wirken wird greifbar, was soziale Innovation sein und bewirken kann.



Aus dem Südschwarzwald zog es Stein fürs Studium nach St.Gallen, wo er bald feststellen musste, wie teuer das Leben diesseits der Grenze tatsächlich ist und wie hürdenreich das Stipendienwesen. Ein Bericht über eine Kunststudentin, die ihre künftigen Werke verkaufte, um ihre Ausbildung zu bezahlen, brachte ihn schliesslich auf die zündende Idee: Malen könne er zwar nicht, aber als künftiger HSG-Alumnus würde er doch ordentlich verdienen. So verkaufte er kurzerhand Aktien an seinem zukünftigen Gehalt – und voilà, schon war er zum sozialen Innovator geworden.


Der Verkauf der «Privataktie Lars Stein» handelte dem Emittenten zwar Ärger mit der Finanzmarktaufsicht ein, brachte aber gleichzeitig viel mediale Aufmerksamkeit während seines Doktorats. Stein wagte es schliesslich, seine Idee auch für andere Studierende in Finanzierungsnöten zu nützen und baute das Unternehmen «Studienaktie» auf, das heute in der Stiftung EDUCA SWISS weiterlebt. Anders als die meisten Stiftungen verzichtete Studienaktie auf inhaltliche Selektion der Interessenten und bot diesen vor der Finanz- vor allem auch Orientierungshilfe – dank letzterer erübrigte sich vielfach dann die Suche nach Bildungsinvestoren.



Im Kanton Luzern bot sich dem Ashoka Fellow Stein dann die Chance, sein Modell auch fürs öffentliche Stipendienwesen fruchtbar zu machen. Das «Luzerner Modell» sollte einerseits das Problem des Kantons lösen, trotz steigender Studierendenzahlen nicht mehr Mittel für Stipendien aufwerfen zu können. Andererseits sollten Studierenden auf der Suche nach Unterstützung sich nicht länger durch einen undurchsichtigen Prozess mit unsicherem Ausgang quälen müssen, der sie oft von einer möglichen Geberquelle zur nächsten hetzen liess. Das neue Modell würde private und öffentliche Mittel kombinieren, aber den Studierenden auch aufzeigen, wo sie eigene Mittel freimachen könnten.

Eigentlich hätte das «Luzerner Modell» zur Erfolgsgeschichte werden können: 72% Zustimmung scheinen eine eindeutige politische Sprache zu sprechen. Bis diese Zustimmung indessen gesichert war, musste sich Stein persönlich einer politischen Schlammschlacht aussetzen, losgetreten von der Juso, die sich schon an der Begrifflichkeit «Studienaktie» stiess. Schliesslich kam das «Luzerner Modell» nie zum Fliegen: Mit dem Abgang einer Schlüsselperson in der Verwaltung und Steins eigenem Rückzug fehlten jene Personen, denen an der Umsetzung tatsächlich gelegen gewesen wären.


Aus dem Luzerner Rückschlag lernte Stein indessen, was es braucht, um unternehmerische Logik in der Verwaltung einbringen zu können: Das Zusammenwirken von politischem, administrativen und sozialem Unternehmertum – political, public und social entrepreneurship – sei der Dreiklang, der die notwendige Durchsetzungskraft entwickeln könne, die hergebrachte Verwaltungslogik zu durchbrechen. Diese These kann er nun seit zwei Jahren, nach einer persönlichen Auszeit und kurzer Tätigkeit als Berater im Privatsektor, in der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit in Bern prüfen.


Am dortigen Kompetenzzentrum für das Engagement mit dem Privatsektor werden neue Formen der Entwicklungszusammenarbeit erprobt, die sich insbesondere von der Trennung zwischen Privat- und gemeinnützigem Sektor lösen und stattdessen darauf fokussieren, welche Wirkung, welchen impact man erzielen möchte. So werden beispielsweise «SIINC», social impact incentives, genutzt, um die privatwirtschaftliche Umsatzlogik mit dem Gemeinnützigkeitsgedanken vereinen.


Was SIINC meint, veranschaulicht das Beispiel von Diabeteskliniken in Mexiko: Diabetes ist eines der grössten Gesundheitsprobleme in Mexiko, das alle sozialen Schichten betrifft, dessen Behandlung sich aber gerade ärmere Betroffene nicht leisten können. Das DEZA sprach einer Kette von Diabeteskliniken eine Prämie zu, wenn sie es schaffen würde, ihren Anteil an bedürftigen Patienten zu erhöhen. Konkret würde das DEZA die Lücke zwischen den tatsächlichen und den reduzierten Tarifen schliessen. Dies spornte die Kliniken an, nicht nur neue Segmente zu erschliessen, sondern auch so zu innovieren, dass sie ihre Produktionskosten um 40% senken konnte.


Der Erfolg von SIINC zeigt, dass die Grenze zwischen dem Privatsektor und gemeinnützigen Organisationen irrelevant sind, wenn die Wirkung – der impact – im Fokus steht. Damit dies gelingt, braucht es indessen mehr «public entrepreneurs», die unternehmerischen Geist in die Verwaltung bringen – und wie Lars Stein nach vorne schauen und stets fragen: Was wagen wir als Nächstes?

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Soziale Innovation an der HSG.